TICS – Group Therapy Product LP

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„Macht euch nichts vor. Die Welt ist im Arsch. Die, die wir kannten. Alles, wovon ihr redet, ist schon vorbei. Die Ewiggestrigen, die durch die Gegend rennen und die Rückkehr zur Messe auf Latein, die Steinigung der Huren und die Wiedereinführung des Wehrdienstes fordern… das ist alles vorbei. Sie klammern sich an eine verschwundene Welt. Hört endlich auf zu erzählen, dass gestern alles besser war und es morgen noch schlimmer wird. Wir sind im Dazwischen. Das müssen wir ausnutzen. Morgen beginnen wir wieder von vorn.“ (Virginie Depentes / Vernon Subutex 2)
Gruppentherapie, erste Sitzung auf dem Parkplatz eines Hinterhofes. Ist es Februar? Oder schon März? Pausenrauch steigt über den Gesprächen auf. So, wie jeden Mittwoch.
Das Leben um die abendliche Musik herum – es zieht mit all dem Brimborium in die Leere, saugt die Vitalität und Energie aus dem Körper, so dass all die unbekümmerte Stürmerei schwindet und man sich plötzlich im ernüchterndsten Sinne „erwachsen“ in einer so dynamisch wie akkurat designten Wohnlandschaft wiederfindet – gut gekleidet und in Form, aber blutleer und taub. Leider ist es das traurige Verdienst von Virginie Despentes Romanen und ihrer Figuren um den Plattenhändler Vernon Subutex, genau diese Situation auszustellen: In all der Fülle wirkt doch alles seltsam leer.
Ein kollektives Trauma. So muss es benannt werden. Nicht zuletzt deshalb, weil es niemandem als Trauma erscheinen mag. Was die Krise durch die Pandemie so unheimlich macht: Sie ändert am Erscheinungsbild unserer Welt eigentlich recht wenig. Das je eigene Leben wird durch COVID-19 nur dort verändert, wo es eh schon längst von uns selbst verändert wurde. Ab hier: Viel passiert außen – in den eigenen vier Wänden, im eigenen Kopf wird es still. 2020 forciert einfach nur unmerklich das, was schon zuvor als erstrebenswerte Tugend galt: Sie privatisiert die komplette Aufmerksamkeit. Und macht Krüppel aus uns, während Videostreams, Chatrooms, Datingportale und Onlineshops brav weiterlaufen.
Erstes Zwischenziel der Sitzung:
Inmitten des rasenden Stillstands in Bewegung setzen.
Zunächst nur wir Drei: Songideen formulieren – unfertig, mit ungewissem Ende, sie werden aufgenommen und an weitere Personen geschickt. Auf dass sie von diesen bearbeitet und interpretiert, verändert werden. Nur Wochen später treffen sich zahlreiche Stimmen mit genau diesen Ideen. Und stehen dort für die Länge eines Albums zusammen, reden in ähnlicher Weise miteinander, wie wir es dieses lange Jahr in Zoom-Meetings schon gewohnt sind: Die Zusammenkunft ist zeitlich begrenzt, jede teilnehmende Person erhält seinen eigenen slot. Unklare Brüche können entstehen. Manchmal lösen sie sich nicht auf. Und gelegentlich produzieren eben diese etwas schönes, so, wie sie dort stehen bleiben.
Und morgen beginnen wir wieder von vorn.
Als Gäste sind auf dem Album zu hören:
Thomas Mahmoud, Rebecca Oehms, JohnBoy Adonis, Micha Acher
MT Pocket, Lina Walde, Anna Sobott, Martin Kircher, Peta Devlin,
Christof Kather, Sweat Like Chianti, Björn Sonnenberg, Richard Leue,
Martha Sobott

Weight 0.501 kg
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